Mozart ging nicht zur Schule

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Ein Artikel aus dem Themenheft „Lernen“


Mozart begann zu komponieren, als er sechs Jahre alt war. Schon mit drei Jahren verbrachte er Stunden damit, das Cembalo in reinen Terzen zu stimmen und sich an diesem Wohlklang jauchzend zu erfreuen. Der kleine Wolferl kam offensichtlich mit einer spezifischen Begabung und einem klaren inneren Entwicklungsplan auf die Welt und wusste genau, was er lernen wollte, um diesen Plan zu entwickeln. Welche Schule konnte ihm dabei helfen?


Bitte, Papa, Unterricht!

Mozart war ein „Homeschooler“: Er besuchte keine Schule, sondern wurde zu Hause von seinem Vater unterrichtet, der selber renommierter Musiker war und seinen Sohn mit großer Liebe und Sorgfalt begleitete. Eintrichtern musste er ihm nichts, im Gegenteil, das Kind bat jeweils dringend um Unterricht. Wer zweifelt heute daran, dass Leopold Mozart genau der richtige Lehrer für sein Kind war? Da Wolfgang bereits mit sechs zu komponieren begann, ist es gut möglich, dass er lehrplanwidrig eher Noten schreiben lernte als Buchstaben – aber auch die Buchstaben hat er ja gelernt, wie wir an seinen zahlreichen wunderbaren Briefen sehen.

Mozart auf dem Pausenhof

Was wäre aus diesem, nach Berichten von Zeitgenossen sehr zarten Kind geworden, wenn es in einer noch so guten Schule jahrelang mit 25 anderen Kindern die Schulbank hätte drücken müssen? Lesen, Schreiben, Rechnen üben, wo alles in ihm danach drängte, zu musizieren und zu komponieren? In der Pause Hänseleien als schwächlicher, komischer Sonderling, brutale Mutproben (die gab's schon vor dem Handy-Horror!) oder Schlimmeres? Statt dessen spielte Wolferl daheim mit seiner Schwester Nannerl und wuchs „trotzdem“ zu einem überaus geselligen, beliebten und fröhlichen Menschen heran.

Auch italienische Briefe verfasste Mozart in schwungvoller Schrift – und das, ohne je die Schulbank gedrückt zu haben!

Lob der Schulpflicht

Nun ist nicht jedes Kind ein Mozart, aber heute wie damals gibt es Kinder (und es sind gar nicht so wenige), die sich in einer Schulklasse nicht wohlfühlen und für die andere Formen des Lernens besser geeignet sind als den Besuch einer öffentlichen Schule. Aber heute herrscht Schulpflicht. Sie wurde eingeführt, um Kinder davor zu bewahren, ohne Bildungsmöglichkeiten im Stall oder am Webstuhl schuften zu müssen, und ihnen das Grundrecht auf Bildung zu garantieren. Das ist zweifellos eine große Errungenschaft unserer Zivilisation.

Was also wäre angesichts der Schulpflicht heute aus Mozart geworden? Erleichtert stellen wir fest: Mozart hätte auch heute zu Hause bei seinem Vater lernen, nach Herzenslust komponieren und seine langen Konzertreisen außerhalb der Schulferien machen dürfen, denn Mozart war Österreicher. Und in Österreich ist das eigenständige Lernen zu Hause wie in fast allen anderen Ländern der Welt erlaubt. „Hiermit melde ich meinen Sohn Wolfgang Amadeus Mozart, geb. 27.1.1756, ab zum häuslichen Unterricht.“ Statt Zeugnis überzeugt sich die Schulbehörde einmal im Jahr davon, dass der kleine Wolfgang gedeiht.

Die Schulpflicht dient dazu, das Grundrecht auf Bildung zu sichern und nicht, eine bestimmte Standardform des Lernens für alle Menschen zu erzwingen. So ist es auch in der UN-Kinderrechts-Charta und in der Verfassung und Gesetzgebung der aller meisten Länder verankert.

Der deutsche Sonderweg

In Deutschland hat sich das Thema Schulpflicht anders entwickelt. Hitler ging es genau um das, was mit dem Gesetz eigentlich nicht gemeint war: Standardisierung und Gleichschaltung. 1938 wurde Hausunterricht per Reichsschulpflichtgesetz verboten. Hänseleien von Außenseitern und brutale Mutproben wurden billigend in Kauf genommen – hart wie Kruppstahl sollte die Jugend ja werden. Aus irgendwelchen Gründen ist es nach dem Krieg in Deutschland bei dieser Auffassung von Schulpflicht geblieben. Mehr oder weniger freie private Schulen wurden zögernd nach und nach mit strengsten Auflagen wieder zugelassen – unter hohem persönlichen und finanziellen Einsatz dürfen Eltern ihre Kinder auf eine nichtstaatliche Schule schicken. Homeschooling jedoch, in aller Welt von Millionen Kindern mit nachweislich besten Ergebnissen praktiziert, soll in Deutschland nicht erlaubt sein.

Weltberühmte Homeschooler: (von links oben bis rechts unten): Konrad Adenauer, Yehudi Menuhin, Thomas Edison und Agatha Christie.

Grundrecht auf Bildung

Das ist ein Missverständnis. Natürlich muss und soll der Staat dort eingreifen, wo die Eltern versagen. Auch Slobodan, Tülay, Peter und Jessica aus „bildungsfernen Schichten“ müssen die Chance bekommen, zu lernen. Aber warum dürfen der kleine Wolfgang Amadeus, der kleine Yehudi, die kleine Agatha, der kleine Thomas und der kleine Konrad nicht ihren eigenen Weg gehen, wenn dieser nachweislich zu mindestens gleich guten Ergebnissen führt? (Auch Geigenvirtuose Yehudi Menuhin, Schriftstellerin Agatha Christie, Glühbirnen-Erfinder Thomas Edison, Bundeskanzler Konrad Adenauer und viele andere Berühmtheiten wurden von ihren Eltern unterrichtet, sowie Millionen ganz normale, tüchtige Menschen weltweit.) Die angeblich durch die Schulpflicht gewährleistete Mischung und gemeinsame Sozialisation aller sozialen Schichten ist angesichts der nach Wohngebieten und damit nach Einkommen zugeordneten Schüler eine Illusion. In der Schule eines Villenvorortes mischen sich die Kinder verschiedener Gesellschaftsschichten genauso wenig wie in einer Schule der Innenstadt.

Eigentlich ganz einfach

Warum machen wir es nicht einfach so wie all die anderen Länder, die bei der Pisa-Studie besser abgeschnitten haben als wir? Österreich, England, Irland, USA, Kanada (hier werden Homeschooling-Familien sogar finanziell gefördert), Frankreich, Dänemark, Norwegen, Finnland – selbst im ehemals sozialistisch gleichgeschalteten Osteuropa ist Homeschooling inzwischen erlaubt, in Russland schon seit 1991, in Tschechien** nach den hervorragenden Ergebnissen einer staatlichen Pilotstudie seit 2005.

Für die Wiederzulassung des Hausunterrichts müsste in den meisten Bundesländern nicht einmal ein Gesetz geändert werden. In der Regel kann die Behörde nach eigenem Ermessen Ausnahmegenehmigungen für die Befreiung von der Schulpflicht erteilen. Nur: Von dieser Möglichkeit wird praktisch nie Gebrauch gemacht, da die meisten Schüler, Eltern, Lehrer, Kinderärzte und Beamte gar nicht wissen, dass auf der ganzen Welt ein kleiner Prozentsatz von Kindern zu Hause bleibt, weil sie dort lieber und besser lernen.

Wenn heute nach vielen Jahrhunderten noch immer überall die wunderbaren Werke eines der bedeutendsten Komponisten des Abendlandes erklingen, lohnt es sich, darüber nachzudenken: Mozart ging nicht zur Schule.

Dagmar und Tilman Neubronner, Bremen, haben für ihre Kinder eine Ausnahmegenehmigung nach dem Bremer Schulgesetz beantragt und unterrichteten ihre beiden Söhne zurzeit zu Hause.

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Von am 23.09.2026


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