Warum sich Menschen streiten


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Menschen streiten sich. Von jeher. Doch warum eigentlich? Es gilt als derart normal, dass es kaum wirklich hinterfragt oder untersucht wird. Der jeweilige Anlass eines Streites wird einfach als dessen Ursache angenommen. Also: Warum streiten sich Menschen überhaupt? Was sind die tieferliegenden Gründe? Die unbewusst ablaufenden Mechanismen? Wodurch artet ein einfacher Streit zu einem langanhaltenden Konflikt aus? Was bewirkt, dass sich Konflikte manchmal über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg nicht lösen lassen? Was ist die eigentliche Ursache für Krieg? Und am wichtigsten: Wie lassen sich langfristige Streitigkeiten und Konflikte lösen, so dass endlich Friede und Eintracht auf der Welt einkehren?

Die eine Sache, an der es dieser Welt zuallerletzt mangelt, ist Streit. Die Menschen sind Großmeister darin, sich zu zanken, wegen Bagatellen aneinander zu geraten, Meinungsverschiedenheiten zu pflegen, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, Kriege zu führen, zu kämpfen, Fehden zu führen, für ihre Rechthaberei zu sterben, sich zu schlagen, zu verprügeln und sich zu verdreschen.  

Beginnend mit den Raufereien unter Geschwistern über den Kindergarten und über die Schulen, wo kaum irgendwo auf der Welt ein Tag ohne handfeste Schulgewalt vergeht, bis hin zu Handgemengen unter Soldaten, den Intrigen, Machtkämpfen und dem Mobbing (Schikane) am Arbeitsplatz, allgemeinen geschäftlichen und juristischen Auseinandersetzungen sowie wild tobenden Gefechten von sich trennenden Ehepartnern. Wie im Kleinen unter Individuen, so im Großen unter Religionen, Konzernen, Banken und Nationen.

Während eine schier endlose Anzahl von oberflächlichen Auslösern für die Zwistigkeiten des Menschen existieren mag, gibt es gerade einmal eine Handvoll wahrer Ursachen für den Umstand, dass sich Menschen (und somit Unternehmen, Institutionen, Religionen, Nationen usw.) überhaupt streiten. Diese tatsächlichen Ursachen sind den Menschen offenbar völlig unbekannt, denn wären sie bekannt, gäbe es logischerweise weniger Streit.

Grundlagen

Das Erste, was man in diesem Zusammenhang wissen sollte, ist, dass der augenscheinliche Auslöser eines Streites niemals auch der eigentliche Grund für den Streit ist. Könnten Sie Ihren Mitmenschen allein diese eine Tatsache begreiflich machen, wäre die Welt augenblicklich ein friedlicherer Ort!

Also: Der Auslöser eines Streits ist nie sein wahrer Grund! Das wird im weiteren Verlauf dieses Artikels noch sehr deutlich hervortreten.

Das Zweite, was man wissen sollte, ist Folgendes: Sobald der wahre, tiefere Grund für einen Streit entdeckt wird, hört derselbe augenblicklich auf – in derselben Sekunde!

Beispiel: Lautstarker Kinderzimmerstreit um ein Spielzeugauto. Mutti eilt herbei, um zu schlichten: „Was ist denn hier los?“ – „Der Peter hat mein Auto weggenommen“, heult der kleine Kevin. Meist lassen sich Mütter dann auf dieses Theater ein, versuchen es irgendwie zu regeln, akzeptieren den Anlass des Streits (Auto) als Grund und sagen dann z.B.: „Peter, Du darfst dem Kevin nicht sein Auto wegnehmen, das ist seines. Du musst ihn zuerst fragen!“ Wenn Mutti es auf diese Art „regelt“, wird das Gezeter aber ewig weitergehen.

Warum? Weil Mutti die eigentliche Ursache übersehen und sich nur dem Anlass gewidmet hat. Würde sie sich mit der tieferen Ursache beschäftigen und diese ermitteln, würde augenblicklich Friede und Eintracht einkehren – und Mutti hätte fürderhin Ruhe.

Kürzen wir die Geschichte an dieser Stelle einmal ab: Der wahre Grund des Streits war in diesem beispielhaften Fall, dass das „arme Opfer“ (der kleine, „unschuldige“ Kevin) dem „bösen Täter“ (dem großen, „schuldigen“ Peter) am Tag zuvor heimlich, still und leise einen Euro aus dessen Sparbüchse geklaut hat. Krass, was? Man glaubt das nicht, bis man es selbst einmal erlebt hat. Lassen Sie uns das etwas vertiefen: 

Der offensichtliche Auslöser eines Streits ist niemals dessen Ursache.

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Geheimnisse

Eine der Hauptursachen für Streitigkeiten besteht also in den „kleinen, dunklen Geheimnissen“ des Menschen. Menschen, alle Menschen – „vielleicht sogar auch ich“ :-) – tun täglich Dinge, von denen sie nicht wollen, dass andere sie wissen. Das ist ein Grundproblem unseres Daseins, ja vielleicht sogar das Grundproblem der Menschheit schlechthin. Die Rede ist dabei weniger von „großen, schlimmen Untaten“, als vielmehr von alltäglichen, kleinen Missetaten:

Menschen tratschen und klatschen (was aber derjenige, über den getratscht wird, natürlich nicht erfahren soll), sie sind nicht ganz ehrlich, sagen nicht ihre tatsächliche Meinung (lügen also), stehen nicht für ihre Überzeugungen ein. Sie mogeln bei der Steuer, halten sich nicht an die Regeln (denen sie aber zuvor offiziell zugestimmt haben), „vergessen“ Termine, kümmern sich nicht um ihre Versprechungen, sind unzuverlässig. Sie erzielen heimlich versteckte Nebeneinkünfte, ergattern im Einkaufszentrum falsch ausgezeichnete Waren, schummeln beim Kinder- oder Arbeitslosengeld, arbeiten schwarz nebenher, intrigieren am Arbeitsplatz, reden schlecht über den Chef, kommen zu spät zur Arbeit, gehen zu früh; schwänzen die Schule und besorgen sich falsche Entschuldigungen. Sie parken im Halteverbot, überschreiten die zulässige Höchstgeschwindigkeit und fahren im Winter mit abgefahrenen Sommerreifen.

Sie erzählen dem Ehepartner nicht alles, erfinden Notlügen, gehen im Internet heimlich auf Sexseiten, plaudern bei der besten Freundin oder prahlen vor dem besten Kumpel über das eigene Sexleben usw. (was der Partner dann nicht wissen soll).  

Jeder Mensch macht, tut, begeht täglich derartige Dinge!

Kürzliche Untersuchungen – übrigens aus seriöser Quelle – haben ergeben, dass Frauen täglich bis zu 180 Mal lügen, Männer sogar bis zu 220 Mal1. Enthüllt hat das der Großmeister des Lügenerkennens Paul Ekman2, der sich seit 30 Jahren mit nichts anderem beschäftigt als damit, wie man Lügen bzw. Lügner erkennt und Polizei, Sicherheitsdienste und Security-Kräfte darin ausbildet.

Jede einzelne dieser Lügen ist dabei gleichzeitig ein mindestens dreifaches Geheimnis: 1. die eigentliche Sache, die man mit der Lüge verschleiert, 2. der Umstand, dass man gelogen hat, 3. der damit einhergehende, verheimlichte Vertrauensmissbrauch. Wenn nun daraufhin ein Mensch aus dem Umfeld desjenigen etwas sagt oder tut, das unseren „Täter“ befürchten lässt, der andere könne davon wissen, reagiert der „fast entdeckte Täter“ missgelaunt. So kommt es dann zu Streitigkeiten.

Erinnern wir uns: Kevin hatte seinem Bruder Peter heimlich einen Euro aus der Sparbüchse gestohlen. Später nahm Peter Kevin ungefragt sein Spielzeugauto weg. Die Aktion des Wegnehmens an sich „erinnerte“ Kevin (unbewusst) an seine eigene Tat – d.h. er fragte sich in jener Sekunde unterbewusst, ob sein Bruder vielleicht davon wisse. Und eben diese innere Ungewissheit war es, die ihn erregte und launisch machte.

Anders ausgedrückt: Hätte Kevin am Tag zuvor nicht heimlich Peter einen Euro geklaut gehabt, wäre Kevin völlig gelassen geblieben, als Peter ungefragt sein Spielzeugauto genommen hat. Er hätte vielleicht gesagt: „Hey, gib es mir zurück“ – und das wär's dann gewesen. So verrückt das anfangs vielleicht klingen mag, so sehr kann dieses Prinzip im Alltag von jedermann selbst beobachtet werden! Die einzigen Voraussetzungen hierzu: Der Wille dies zu beobachten, ein wacher Geist, ein geradliniger Blick, unerschrockenes Nachfragen sowie die Fähigkeit, auf seine intuitive innere Wahrnehmung zu vertrauen.

Anderes Beispiel: Ein paar zwielichtige Jugendliche stehen an einer Straßenecke, tuscheln und tun geheimnisvoll. Wenn nun jemand den „Fehler begeht“ und mehr als eine halbe Sekunde lang in ihre Richtung blickt, wird damit eine Antwort der folgenden Art provoziert: „Hey, was kucksch du? Wasch los, Alddr, hasch du Problem oder was?“ – und derjenige muss aufpassen, dass er sich flink genug vom Acker macht, um nicht noch verprügelt zu werden. Warum? Na, weil ein einfacher Blick eines Fremden ausreicht, um das Geheimnis dieser Jugendlichen beinahe zu enthüllen: Dass sie nämlich gerade dabei sind, Drogen zu verticken (verkaufen); sie ‘was geklaut haben; etwas Illegales planen oder sie sich gerade noch das Blut der letzten Schlägerei von den Fingern wischen ... was auch immer. 

Ähnlich wie diese Jungs empfinden wir selbst, wenn uns z.B. eine Polizeistreife anhält. Wenn da einer der Beamten ein falsches Wort sagt, müssen wir unsere Beherrschung aufbringen, damit uns kein Schimpfwort über die Lippen rutscht. Warum? Weil das Anhalten durch die Streife all das in uns wachruft, was wir zuvor an heimlichen Verkehrssünden begangen haben: Hunderte Male zu schnell gefahren, als Fußgänger eine Ampel ignoriert, den Termin der TÜV-Prüfung überzogen usw. Im selben Moment, wo die Streife uns anhält, fragen wir uns unterschwellig, ob sie wohl davon wisse (was für ein Schlimmer wir sind) – und genau das macht uns gereizt. Lediglich das Bewusstsein, dass es uns hunderte Euro, eine Strafanzeige oder sogar unseren Führerschein kosten könnte, hält uns davor zurück, unseren Emotionen freien Lauf zu lassen, einen bestimmten Finger auszustrecken oder davonzubrausen (was wir am liebsten täten).

Und wodurch wird unsere Wut gegenüber dem Finanzamt, der Regierung oder „den Politikern“ repräsentiert? Nein, wir sind nicht sauer, weil da einer seinen Doktortitel gefälscht hat! Wir sind sauer – wenn wir es sind – weil wir selbst, z.B. in der Schule, oft genug gefälscht, abgeschrieben und getrickst haben. Und sind wir wirklich sauer, weil Politiker zu viele „Nebeneinkünfte“ einstreichen?

Natürlich nicht. In Wahrheit sind wir nur deshalb sauer, weil wir selbst z.B. bei der Steuer schummeln, allerlei Kavaliersdelikte begehen, die Buchhaltung frisieren, nebenher den einen oder anderen Euro schwarz einstecken usw.

Zugegeben, dies ist eine sehr, sehr unangenehme Wahrheit! Und eben weil sie so unangenehm ist, lehnen sie die meisten ab – was der Wahrheit aber natürlich völlig egal ist ;-) Tatsächlich kann man diese Wahrheit anerkennen, danach leben und fröhlich werden oder aber sie ablehnen und weiter leiden. 

Papa ist des Abends super-hyper-gereizt! Jedes geringfügig falsche Wort bringt ihn zum Kochen. Was ist los? Sind die Kinder zu laut? Haben Sie etwas angestellt? Schmeckt das Essen nicht? Nein, nichts von alledem! In Wahrheit hat Papa am Nachmittag überraschend seine alte Schulliebe getroffen, sie kurzerhand ins Café eingeladen, sehr handfest mit ihr geflirtet und seine Ehefrau, die auf dem Handy angerufen hat, angelogen, er befände sich in einem dringenden Geschäftsmeeting, das etwas länger dauern könnte. Als er nach Hause kommt, fragt ihn seine Frau: „Und Schatz, wir war dein Geschäftsmeeting? Warst du erfolgreich? Mit wem hast du dich getroffen? Erzähl doch mal, ich bin ganz neugierig!“ Mehr ist nicht nötig, damit sein schlechtes Gewissen den Gatten an den Rand des Wahnsinns treibt (wortwörtlich).

Der Sohn ist immer „pflegeleicht“ gewesen, bis er in die Pubertät gekommen ist. Ab da haben von einem Tag auf den anderen dicke Luft und Dauerstress geherrscht. Warum? Sehr einfach: Urplötzlich hat er ein Thema, über das er nicht mehr mit seinen Eltern spricht. Er hat auf einmal „unkeusche Gedanken“ und Geheimnisse, hat z.B. in der Mädchenumkleide herumspioniert, im Internet „Erwachsenenseiten“ besucht und – oh Schreck! – dabei noch onaniert. Er hat nachts plötzlich Phantasien, die ihn irritieren. Mehr ist nicht nötig!

Diese kleinen, dunklen Geheimnisse sind tatsächlich der hauptsächliche Hintergrund jedes akuten Streits: Jemand hat etwas getan (oder unterlassen), von dem er nicht will, dass andere es wissen/herausfinden.

Und wenn andere etwas sagen, tun oder unterlassen, das den „Untäter“ in diese schreckliche Ungewissheit stürzt (ob der andere es wohl wisse oder nicht), dann reagiert der Betreffende gereizt bis stinksauer!

Je dunkler und schlimmer der „Untäter“ sein Geheimnis empfindet (!) desto vehementer reagiert er. Es kommt ausschließlich auf das subjektive Empfinden des Betreffenden an: So kann sich ein Regierungsagent, der routinemäßig Hunderte Leute foltert und umbringt, dabei noch „völlig in Ordnung“ fühlen, während ein unschuldiger 15-Jähriger, der einer Schulkameradin zum ersten Mal heimlich auf den Hintern starrt, sich wie ein Schwerverbrecher vorkommen kann. 

Die kleinen Geheimnisse vor anderen, die nicht ans Licht kommen sollen

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Falsche Beschuldigung

Wer etwas getan hat, von dem er nicht möchte, dass andere es wissen, neigt zwanghaft dazu, andere ganz exakt jener Untaten zu beschuldigen (Spiegelprinzip: Kevin hat seinen Bruder Peter beklaut und deswegen beschuldigt er Peter nun, seinerseits geklaut zu haben. Er tut dies nicht klar und bewusst, sondern „automatisch“).

Die Ehefrau, die ihren Mann betrügt, wird ihn bald beschuldigen, seinerseits fremdzugehen, selbst wenn es das Allerletzte wäre, was er tun würde. Hintergrund: Wenn der Mann tatsächlich fremdginge, müsste sich die Frau nicht mehr so schuldig fühlen. Also wünscht sie es sich insgeheim bzw. arbeitet (auf einer eher unbewussten Ebene) sogar darauf hin, dass er es tut. 

Fatal dabei: Falsch zu beschuldigen, löst heftigste Reaktionen auf der Gegenseite aus und sorgt für sich alleine genommen wiederum für jede Menge neuen, zusätzlichen Streit.  

Wer fremdgeht, wird andere bezichtigen, fremdzugehen

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Ein Firmeninhaber bereichert sich an seiner Firma, indem er heimlich Gelder entzieht. Dieses Geheimnis als solches lässt ihn einerseits natürlich kritisch und gereizt werden. Viel schlimmer jedoch ist andererseits, dass der Chef in der Folge seine Angestellten verdächtigt, ihn heimlich zu beklauen.

So wird er also seinen treuesten Mitarbeitern, denen er jahrelang zuvor uneingeschränktes Vertrauen entgegengebracht hat, urplötzlich misstrauen, sie falsch beschuldigen, ungerecht behandeln, ihnen unpassende Abmahnungen ausstellen usw. Die Mitarbeiter ihrerseits werden sich (ganz zu Recht) ungerecht behandelt fühlen, protestieren, sich wehren, vor Gericht ziehen. Folge: Die Firma wird in Kleinkriegen und Streitigkeiten versinken und so gewiss untergehen wie die Titanic. 

Wer weitere Hintergründe und Beispiele zum Thema falscher Kritik und Beschuldigung wünscht, möge unsere Depesche 34/2006 „Falsche Kritik und Beschuldigung“ lesen.

 

Depesche 34/2006 "Falsche Kritik & falsche Beschuldigung"


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Simple Missverständnisse

Prof. Dr. Volker Hinnenkamp von der Hochschule Fulda leitet sein Werk Missverständnisse in Gesprächen mit dem bedeutungsvollen Satz ein: „Missverständnisse in der alltäglichen Kommunikation sind nicht die Ausnahme, eher die Regel“. Ein Satz, den er in der Folge gleich eindrucksvoll belegt, indem er nämlich mit Fach- und Fremdwörtern derart um sich wirft, dass man keine Seite lesen kann, ohne mehrfach den Duden zu bemühen. 

Die meisten Missverständnisse (und damit auch Streitigkeiten) in zwischenmenschlichen Beziehungen gründen sich tatsächlich – man glaubt es anfangs kaum – auf falsch verstandene Wörter! Es sind also nicht Ideen, Gedankengänge, Konzepte etc., die wir nicht verstehen, sondern tatsächlich einzelne Wörter. Erstaunlicherweise sogar weniger komplizierte Fach- oder Fremdwörter (die den eindeutigen Vorteil haben, dass wir bei ihnen wissen, dass wir sie nicht verstehen), als vielmehr die normalen, kleinen, deutschen Alltagswörter.

Das wäre an und für sich noch nicht weiter problematisch, wenn sich die Menschen denn darüber bewusst wären. Das wirklich Fatale aber ist, dass die Menschen Wörter nicht verstehen bzw. falsch verstehen, gleichzeitig aber denken, sie verstünden sie richtig. D.h. Menschen verstehen Wörter nicht einfach nur nicht, sondern auf eine Weise, wie nur sie selbst sie verstehen (denken dabei aber, jeder andere würde sie „logischerweise“ ebenfalls auf diese Weise verstehen). 

Zur Verdeutlichung: Ein Junge hat gehört, dass der Schaum auf dem Bierglas „Blume“ genannt wird. Tags darauf sagt eine Schulkameradin: „Schau mal, wie schön die Blumen sind!“ Und er: „Ich kann hier keine schönen Blumen sehen!“

Der Knabe denkt, dass „Blumen“ Schaumkronen auf Biergläsern sind. Nun, er hat da sicher kein Missverständnis! Er glaubt keine Sekunde lang, dass er etwas nicht versteht, ja zweifelt noch nicht einmal.

Er glaubt stattdessen viel mehr, „dass Mädchen einfach spinnen” („alle Mädchen spinnen“, das wussten ja schon die Klassenkameraden). Niemand kommt je auf den Gedanken, er verstünde ein normales Alltagswort nicht oder falsch.

Die allgemeine Annahme ist, dass wenn man etwas nicht versteht, dass dann da „niemals ein Wort daran schuld“ ist, sondern der Lehrer, der Redner oder das Buch usw.  Wenn überhaupt, dann versteht derjenige allenfalls einen Gedankengang nicht, eine Überlegung, einen Satz, ein Prinzip usw. (meint er) – weil es eben „zu hoch“ ist oder schlecht erklärt wurde. Derjenige würde darauf schwören, dass es nichts mit Wörtern zu tun hat.

Hat es aber leider doch! Ich arbeite mit Wörtern und beschäftige mich tagtäglich damit, Dinge zu verstehen und verständlich aufzubereiten – es sind immer einzelne Wörter! Nur Wörter! Ausnahmslos! 

So wähnen Menschen, Dinge gesagt zu haben, die sie in Wahrheit gar nicht zum Ausdruck gebracht haben (sie haben also, ohne es aber zu wissen, ganz falsche Wörter für ihre Gedanken benutzt). Die anderen verstehen diese Wörter dann aufgrund ihrer eigenen Missverständnisse nochmals anders – und so reden Menschen routinemäßig aneinander vorbei. Glanzbeispiele hierfür lassen sich in beliebigen Nachmittags-Talkshows finden. Analysieren Sie einmal spaßeshalber, was die Leute da wirklich sagen, schauen Sie zu, wie Sie sich streiten und Sie finden all das live vor, was wir in diesem Artikel erwähnen.   

Das bringt uns zum berühmten Zitat von Konrad Lorenz (unten). Der dort geschilderte Sachverhalt sorgt in der Folge für jede Menge Streit: „Aber ich hatte dir doch gesagt, du sollst“ – „Nein, hast du gar nicht“ usw. Menschen reagieren überdies irrational auf gewisse Wörter – ohne aber zu wissen, dass sie auf diese Wörter reagieren.

Es kann buchstäblich passieren, dass jemand auf Sie sauer wird, weil Sie zufällig das Wort „schwarz“ gesagt haben oder „warte!“ – was auch immer! Wörter können als regelrechte Tretminen agieren und man weiß nie, wann man bei anderen auf eine tritt bzw. wann andere bei einem selbst auf eine treten. Und das Letzte, das Allerallerletzte, womit man sein Gereiztsein dann erklären würde, wäre ein Wort!

Auch hierfür ein Beispiel: Immer bevor der Vater einst seinen Sohn verprügelte, sagte er die Worte: „Warte, dir werd’ ich’s zeigen! “ Und direkt anschließend setzte es dann eine gehörige Tracht Prügel.

Die Bestandteile dieses einen Satzes wurden über die Jahre hinweg also mit einer ganz beträchtlichen Menge Wut und Schmerz verknüpft. Derjenige kann somit im späteren Leben einfach nur deshalb gereizt reagieren, weil jemand das Wort „warte!“ zu ihm sagt. Oder er wird sauer, wenn jemand ihm etwas zeigen will („dir zeig’ ich’s!“ – klatsch)! Er hat aber natürlich keine Ahnung, dass es das Wort (!) ist, das ihn nervt. Er fühlt sich einfach nur irgendwie gereizt. 

Worte werden also einerseits falsch verstanden und sind andererseits mit einer großen Menge von Emotionen überladen (bzw. mit Schmerzen und Assoziationen verknüpft). Sowohl beim „Absender“ der Wörter als auch beim Empfänger.

Und wie viele Wörter sprechen wir täglich und hören wir täglich? Erahnen Sie, wie viel Potential sich hieraus für irrationale Streitigkeiten ergibt? Wer weitere Beispiele zu diesem Thema wünscht, findet diese in der abgebildeten Depesche 17+18/2011: „Mysterium Lernfähigkeit, Talent, Verstehen“. 

Depesche 17+18/2011 "Mysterium Lernfähigkeit, Talent, Verstehen"


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Manieren

Es ist manchmal schwer zu glauben, durch welche Banalitäten Streitigkeiten ihren Anfang nehmen. Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang nicht eingehaltene Manieren. „Sie grüßt mich nie, wenn sie mich auf der Straße sieht!“ – „Sie würdigt mich keines Blickes!“ – „Er hat mich nicht angeschaut!“ – „Er war nicht wirklich freundlich zu mir!“ – „Das Kind hat nicht einmal ‘Danke’ gesagt!“ usw. Oft braucht es nicht mehr als so etwas, um eine Feindschaft heraufzubeschwören.

Manieren sind das Schmiermittel innerhalb der Gesellschaft. Sie sind dazu da, um Reibung zu vermindern. Nun, Sie dürfen jemanden natürlich „nicht-mögen“, so sehr Sie wollen und sich nicht ausstehen können. Sie dürfen jemanden unmöglich finden usw., das ist Ihr gutes Recht. Doch nichts von alledem legt nahe, dass Sie deswegen Ihre Manieren vergessen. Es sind Ihre Manieren, und wenn Sie diese absichtlich nicht verwenden, dann fügen Sie nicht anderen Schaden zu, sondern sich selbst.

Je irrationaler eine Gesellschaft ist – und unsere ist nahezu unübertrefflich irrational – desto wichtiger werden Manieren. Ohne Manieren fallen wir in eine Barbarei der Gewalt, wo sich Menschen bald gegenseitig wegen Nichtigkeiten totschlagen. Irgendwie unnötig, oder? 

Lesen Sie die ganze Depesche 06+07/2013


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Von am 09.02.2022


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